Armee-, Marine- und Kolonialausstellung

Die Deutsche Armee-, Marine- und Kolonialausstellung (DAMUKA) fand vom 15. Mai bis 15. September 1907 in Friedenau statt. Das Ausstellungsgelände befand sich in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs Friedenau und der Nathanael-Kirche. Initiiert wurde die Ausstellung von verschiedenen Akteur_innen der Kolonialbewegung sowie von lokalen Unternehmen, die sich auf Militärbedarf spezialisiert hatten. Die Ausstellung sollte die deutsche Bevölkerung vom volkswirtschaftlichen Nutzen der Marine, des Heeres und der Kolonien überzeugen. Der Berliner Maler Rudolf Hellgrewe entwarf das Plakat- und Briefmarkenmotiv, auf dem der Ausschnitt einer Festung zu sehen ist, der an Militärbauten in den Kolonien erinnert und somit auf ein zentrales Anliegen der Ausstellung verwies: die Inszenierung Deutschlands als Militär- und Kolonialmacht.

Zu sehen gab es eine umfassende Palette an Produkten, die vom Schuhnagel bis zur Kanone reichte und in verschiedenen, thematisch sortierten Gebäuden präsentiert wurden. Zwischen der Maschinen- und der Marinehalle war die Kolonialhalle platziert. In dieser ebenfalls von Hellgrewe entworfenen Halle befanden sich unter anderem die Stände der Missionsanstalten und der sogenannten ‚Tropenhygiene‘. Zudem wurde Ausrüstungsbedarf für die deutschen Soldaten in den Kolonien, die beschönigend als ‚Schutztruppen‘ bezeichnet wurden, gezeigt. Ein halbrunder Anbau diente der Präsentation von Gegenständen aus den Kolonien wie Pflanzen, Möbelstücke, Hölzer und Elfenbein. Für die Gestaltung der Länderabteilungen hatte Hellgrewe Panoramen mit vermeintlich landestypischen Darstellungen gemalt. Sämtliche Ausstellungsgebäude wurden von der Deutschen Hausbaugesellschaft errichtet. Diese Berliner Firma war auf zerlegbare und transportable Holzbauten spezialisiert und bot neben Ausstellungsbauten auch Tropenhäuser und Militärbaracken an. Im Außenbereich der Ausstellung befanden sich ein künstlicher See und große Gartenanlagen, die extra für die Ausstellung angelegt worden waren.

Zum Programm der DAMUKA gehörte auch eine ‚Völkerschau‘. Unter dem Titel „Wild Afrika“ wurden hier in inszenierten afrikanischen Dörfern Menschen ausgestellt, die während der gesamten Ausstellungszeit auf dem Gelände verbleiben mussten. Die Teilnehmenden dieser ‚Völkerschau‘ stammten nicht aus den deutschen Kolonien, sondern aus Tunesien, Marokko und dem Sudan. Verschiedene Verordnungen um die Jahrhundertwende verboten das Anwerben von Menschen aus den deutschen Kolonien für ‚Völkerschauen‘. Deutsche Politiker fürchteten, dass sich die Erfahrungen der Ausgestellten, die dem Blick und den Begierden der Zuschauenden schutzlos ausgesetzt waren, negativ auf die Beziehung zwischen den Deutschen und den Bewohner_innen ‚ihrer‘ Kolonien auswirken könnten. Die ‚Völkerschau‘ sollte dem Publikum einen Einblick in das vermeintliche Alltagsleben sowie in landestypische Bräuche afrikanischer Völker gewähren. Tatsächlich ging es bei der rassistischen Zurschaustellung aber vor allem um die Befriedigung von bestehenden Erwartungen und Schaulust.

An anderer Stelle der Ausstellung konnten sich die Ausstellungsgäste in einem Fotoatelier – umringt von Zelten und einem nachgebauten Elefanten – als Angehörige einer Kolonialmacht inszenieren. Im scharfen Kontrast zur ‚Völkerschau‘ steht hier, dass die Besucher_innen der Ausstellung ihre Inszenierung selbst bestimmen konnten und sich dabei voll angezogen in einer kolonialen Machtposition präsentierten. Das Foto diente als Souvenir und Werbemittel und sollte die Deutschen für den Kolonialgedanken begeistern.

Die Ausstellung war ein Großereignis, das jedoch immer wieder durch negative Schlagzeilen auffiel. Die Presse berichtete über unfertige Ausstellungsbereiche bei der Eröffnung sowie über Konflikte zwischen der Leitung und den Ausstellern. Auch Ereignisse auf dem Areal „Wild Afrika“ waren Teil der Meldungen. Das unerlaubte Verlassen des Geländes einiger Darsteller führte zu einem Polizeieinsatz und wurde in der Presse rassistisch kommentiert. Den traurigen Höhepunkt dieser Ereignisse bildete der Tod von Fatuma Bent El Baji. Die 25-jährige Frau aus Tunis verstarb an einem Darmkatarrh, möglicherweise aufgrund der ungenügenden Lebensumstände. Sie wurde auf dem Schöneberger Gemeindefriedhof begraben.

  • Dieser Text ist die überarbeitete Fassung eines Kapitels aus der Ausstellung „Forschungswerkstatt: Kolonialgeschichte in Tempelhof und Schöneberg“, die das Schöneberg Museum vom 19.5. bis 29.10.2017 zeigte.

 

provided by Museum Tempelhof-Schoeneberg

Ansichtskarte mit Besuchermenge, 1907 (Museen Tempelhof-Schöneberg)

Ansichtskarte Kolonialhalle, 1907 (Museen Tempelhof-Schöneberg)

Fotoatelier mit Elefant, 1907 (Historische Sammlung der edition Friedenauer Brücke)

Sophie Buchholz

Philipp Holt

Johanna Strunge

ORT

DAMUKA-Gelände

HEUTE

Grazer Platz, 12157 Berlin

Zitieren des Artikels

Sophie Buchholz Philipp Holt Johanna Strunge Armee-, Marine- und Kolonialausstellung. In: Kolonialismus begegnen. Dezentrale Perspektiven auf die Berliner Stadtgeschichte. URL: http://kolonialismus-begegnen.de/geschichten/armee-marine-und-kolonialausstellung/ (12.06.2024).

Literatur & Quellen

Anne Dreesbach: Gezähmte Wilde. Die Zurschaustellung »exotischer« Menschen in Deutschland 1870–1940, Frankfurt (Main) 2005.

Anne Dreesbach: Kolonialausstellungen, Völkerschauen und die Zurschaustellung des „Fremden“, in: Europäische Geschichte Online, http://ieg-ego.eu/de/threads/hintergruende/europaeische-begegnungen/anne-dreesbach-kolonialausstellungen-voelkerschauen-und-die-zurschaustellung-des-fremden, 17.02.2012 (letzter Zugriff: 16.06.2022).

Harald Sippel: Rassismus, Protektionismus oder Humanität? Die gesetzlichen Verbote der Anwerbung von „Eingeborenen“ zu Schaustellungszwecken in den deutschen Kolonien, in: Robert Debusmann/János Riesz (Hg.): Kolonialausstellungen – Begegnungen mit Afrika?, Frankfurt (Main) 1995.

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