Die Liga gegen den Imperialismus

Im Büro des „Internationalen Sekretariats“ der Liga gegen den Imperialismus in der Friedrichstr. 24 im heutigen Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg dürfte es 1929 teilweise heiß hergegangen sein. In diesem Büro, dass in Nähe von zahlreichen Filmfirmen lag, wurden Transnationalität und Diversität großgeschrieben (jedenfalls in der ethnischen Dimension). Den engeren Kreis des Sekretariats bildeten Willi Münzenberg, Virendranath Chattopadhyaya und Bohmir Smeral, geboren im deutschen Erfurt, im indischen Hyderabad und im tschechischen Trebitsch. Im gleichen Büro angesiedelt war ab Herbst 1929 aber auch die Liga zur Verteidigung der Negerrasse (LzVN), gegründet als deutscher Arm der französischen Organisation gleichen Namens. Die sieben Gründungsmitglieder waren Joseph Bilé, Louis Brody, Richard Dinn, Thomas Ngambi ul Kuo, Victor Bell, Thomas Manga Akwa and Manfred Kotto Priso.[1] Sie alle waren Duala und stammten aus der ehemaligen deutschen Kolonie Kamerun, aber diese Liga hatte zu Beginn nach internen Tätigkeitsberichten noch mehr, nämlich etwa 20 Mitglieder, die teilweise auch aus anderen Regionen des afrikanischen Kontinents nach Deutschland eingewandert waren. Obwohl sich alle Beteiligten im Büro dem gemeinsamen Ziel des weltweiten Kampfes gegen den Imperialismus verschieben hatten, kam es unentwegt zu Auseinandersetzungen. Zumal Chattopadhyaya, genannt „Chatto“ hielt mit seiner Meinung selten hinter dem Berg.

Smeral wurde im September 1929 auf direkte Anweisung aus Moskau zum Sekretär der LAI. Die „Liga“ unterstand seit ihrer Gründung 1927 der „Kommunistischen Internationale“ (Kommintern, auch „Dritte Internationale“ genannt), die Lenin 1919 als Zusammenschluss aller kommunistischer Parteien initiiert hatte. Er sollte das Tagesgeschäft organisieren und zugleich an die Zentrale berichten. Im November äußerte Chatto gegenüber den zuständigen Stellen in Moskau eine scharfe Kritik an dieser Personalentscheidung. Smeral habe überhaupt keine Verbindung zu den kolonialen Ländern, er, Chatto, verstehe nicht, warum ein „oberflächlicher Politiker“ nach Berlin komme anstatt „Kameraden mit echtem Wissen über und Beziehungen in die Kolonien“.[2] Hier war der Konflikt spürbar, der die LAI von Beginn an begleitete und wenige Jahre später zu ihrem Ende führen würde.

Die Kommintern, die „Weltpartei“ in Moskau war gleichzeitig Stützpfeiler des Antikolonialismus und ein Problem für die antikolonialen Bewegungen. Einerseits hatte die Kommintern in ihren „Richtlinien“ festgelegt, der „internationale proletarische Kommunismus“ würde „die ausgebeuteten Kolonialvölker in ihren Kämpfen gegen den Imperialismus unterstützen“.[3] Solch deutliche Aussagen standen 1919 im Gegensatz zum theoretischen und praktischen Herumlavieren der meisten sozialistischen Parteien, die dem Kolonialismus durchaus einen „zivilisatorischen“ Charakter zugestanden. Die deutsche SPD etwa hatte fünf Tage vor Verabschiedung der Kommintern-Richtlinien im Reichstag einem parteiübergreifenden Antrag (u.a. eingebracht vom SPD-Abgeordneten und späteren Reichstagspräsidenten Paul Löbe) zugestimmt, welche die „Wiedereinsetzung Deutschlands in seine kolonialen Rechte“ forderte. Nur die 1916 abgespaltete USPD hatte dagegen gestimmt – mit Verweis auf die Beschlüsse des Sozialistenkongresses in Stuttgart von 1907.[4]

Zum anderen aber hatte die Kommintern nach 1927 die Strategie der sogenannten Einheitsfront aufgegeben und die Kontrolle so angezogen, dass Chattos Beschwerde mehr als gerechtfertigt erschien. Mit Einheitsfront wurde eine Strategie bezeichnet, die es kommunistischen Parteien (die nach eigener Auffassung die werktätigen Massen vertraten) erlaubte, auch mit jenen antikolonialen Befreiungsbewegungen zusammenzuarbeiten, die in ihrem Charakter nach nationalistisch und bürgerlich waren. Diese Herangehensweise hatte die Kommintern aber 1927 aufgegeben, als die zunächst als links wahrgenommene Kuomintang-Bewegung in China brutal gegen die verbündeten Kommunisten vorging. Diese Enttäuschung sorgte dafür, dass die Kommintern darauf bestand, eine antiimperialistische Zusammenarbeit solle nur mit zuverlässigen Kommunisten stattfinden. 1929 war Chatto zweifellos ein solcher Kommunist, aber sein Schwerpunkt lag dennoch weiterhin auf der Befreiung von Kolonialismus. Nur zwei Jahre zuvor hate Margarete Buber-Neumann in ihren Memoiren über ihn geschrieben, sie habe den Eindruck gewonnen, „daß Chatto kein Kommunist, sondern ein indischer Nationalist sei“.[5]

Tatsächlich zeigt Chattos Geschichte das ganze Spannungsfeld des antikolonialen Widerstandes auf der Ebene der Emigranten. Aus einer wohlhabenden indischen Familie stammend hatte Chatto sich 1914 in Berlin als Studierender eingeschrieben.

Als revolutionärer Nationalist setzte er sich auch dort für die Vertreibung der Briten aus Indien ein. Während des Ersten Weltkrieges erschien ihm das Deutsche Reich dabei als potentieller Partner. So begann er für die Nachrichtenstelle für den Orient zu arbeiten, in der Max von von Oppenheim versuchte, die Muslime weltweit im deutschen Interesse gegen die Kolonialherrschaft der Ententemächte zu organsieren. Den Indern in Berlin gelang es 1915, sich von der Nachrichtenstelle und Oppenheims Vermittlung unabhängig zu machen. In einem Charlottenburger Büro residierte das Indische Unabhängigkeitskomitee, kurz „Berlin Komitee“ genannt, und verhandelte direkt mit dem Auswärtigen Amt – Chatto verstand sich dabei als eine Art Botschafter. Doch die (weltweiten) Bemühungen des Komitees für einen Aufstand der Inder gegen die Briten scheiterten aus vielen Gründen, so dass die Wilhelmstraße schon vor Kriegsende zunehmend das Interesse verlor.[6]

In Stockholm kam Chatto schließlich in Kontakt mit den Bolschewisten, deren ausdrückliches Engagement für die Befreiung Indiens ihm ehrlicher erschien. Mit der Gründung der Sowjetunion war den Briten zudem ein neuer Hauptfeind entstanden, mit dem Chatto sich verbünden wollte. So reiste eine Delegation der „Berliner Inder“ nach Moskau, um mit der Kommintern über Zusammenarbeit zu sprechen, die dann allerdings erst Jahre später auch tatsächlich zustande kam.[7] Während seines Aufenthaltes in Moskau wurde er auf Betreiben der Briten aus Schweden ausgewiesen. Zurück in Berlin, gründete er den Indian News Service and Information Bureau (INSIB)[8] mit Räumen in Halensee, der sowohl deutsche als auch indische Medien mit unabhängigen Nachrichten versorgen sollte, aber auch dazu da war, den Indern in Deutschland (Studierenden und Geschäftsleuten) unter die Arme zu greifen. Berlin war damals attraktiv für Studierende aus Übersee, etwa 5000 hielten sich in der Stadt auf – nicht zuletzt, weil das Deutsche Reich seit 1919 keine Kolonien mehr besaß und die Weimarer Republik vergleichsweise offen wirkte. In den kommenden Jahren protestierten die „Berliner Inder“ aber auch mehrfach gegen die deutsche Politik. Das betraf den zunehmenden Handel mit den Briten in der Kolonie, aber auch Vorgänge in Deutschland. Schärfste Reaktionen löste 1926 eine „Indienschau“ von John Hagenbeck (Carls Halbbruder) ausgerechnet im Berliner Zoo aus – die indischen Emigranten schrieben empört an das Kanzleramt und die Sache wurde in den deutschen Medien kontrovers diskutiert.[9] Bald darauf rekrutierte Willi Münzenberg Chatto für die Vorgängerorganisation der LAI.

Chatto hatte allerdings nicht nur Probleme mit dem „oberfächlichen Politiker“ Smeral, mit dessen eher zurückhaltender Art er sich zudem bald arrangieren konnte, sondern auch mit den Mitgliedern der Liga zur Verteidigung der Negerrasse. Chatto hielt sie nicht für „ausreichend revolutionär“, sondern für unsichere Kantonisten mit überzogenen Erwartungen zumal in finanzieller Hinsicht. Joseph Bilé, den leitenden Sekretät der LzVN, der vorschlug, zurück nach Kamerun zu gehen, um dort Studierende für den Kampf zu rekrutieren, konterte Chatto persönlich mit der Bemerkung, er würde eher die Rekrutierung in Indien fördern – und überhaupt wäre die Auflösung der LzVN nicht der geringste Verlust für die LAI.[10] Tatsächlich hatte die LzVN durchaus etwas von einem Pappkameraden – als im engeren Sinne kollektive Aktivität ist eigentlich nur die Aufführung eines offenbar von Louis Brody iniierten „Rassentheaters“ mit dem Titel „Sonnenaufgang im Morgenland“ überliefert. Zwar ging die Gründung der LzVN auf Kontakte der LAI mit der gleichnamigen und ungleich relevanteren Organisation in Paris zurück, die zunächst von dem zu Unrecht heute weitgehend vergessenen Lamine Senghor geführt wurde[11], später dann von Tiemko Garan Kouyaté. Doch Münzenberg, dessen Talent in dem, was heute als „Organizing“ bekannt ist, geradezu phänomenal war, zeigte sich nicht sehr überzeugt vom politischen Bewußtsein der vom ihm in Berlin kontaktierten Einwanderer aus Afrika, und wollte diese offenbar in einer Art Vorfeldorganisation erst einmal ausbilden und gewissermaßen auch testen.

Diese Einwanderer hatten allerdings auch keinen noblen Familienhintergrund vorzuweisen wie Chatto und lebten in Berlin auch aufgrund der allgegenwärtigen Diskriminierung oftmals eher schlecht als recht. Betrügereien dienten teilweise als Überlebensstrategie, wobei die Täuschung häufig mit einer auf Stereotypen aufbauenden „Performance“ von „Schwarz-Sein“ einherging. Wilhelm Munumé, der beim Gründungstreffen der LAI-Vorgängerorganisation als „westafrikanischer Delegierter“ auftrat, hatte sich nicht gescheut, den Antikolonialismus zu benutzen, um Geld in die eigene Tasche zu wirtschaften.[12] Ab 1921 war er mehrfach in Gaunereien verwickelt (in denen er sich als Vertreter der Regierung von Liberia ausgab oder als ebensolcher eines fiktiven Königs in Accra).

Ab 1925 erhielt er eine regelmässige Unterstützung von der kolonialrevisionistischen „Deutschen Gesellschaft für Eingeborenenkunde“, deren Aufgaben auch die Betreuung der ins Reich emigriertren Kamerumer umfasste. 1927 wurde Munumé dann verurteilt, weil er versucht hatte, Falschgeld zu drucken und in Umlauf zu bringen.[13] Als seine Abschiebung drohte, traten die unterschiedlichen Interessenslagen zwischen den schwarzen Aktivisten und Chatto unmißverständlich zutage. Für Erstere bot der Fall einen Anlass, um auf den eigenen prekären Aufenthaltsstatus und den zu Unrecht verwehrten Zugang zur Staatsangehörigkeit aufmerksam zu machen. Chatto wiederum, der durchaus Interesse an dem Fall zeigte, sah darin nur eine Möglichkeit, die revisionistischen Forderungen nach Rückgabe der Kolonien zu denunzieren.[14]

Bilé wiederum beschwerte sich in Paris und Moskau über Chatto, dessen Arroganz zweifellos über das Ziel hinaus schoss. Tatsächlich war Bilé der einzige einigermaßen kohärente Aktivist in der LzVN (und zuvor beim Afrikanischen Hilfsverein), obwohl auch er teilweise überzogene Erwartungen an die finanzielle Ausstattung seiner Tätigkeit hatte.[15] Bilé besuchte Kurse in der MASCH (Marxistische Arbeiterschule) in Berlin, wurde Mitglied der KPD und fuhr im Sommer 1930 nach Moskau. Von Ende 1932 bis Anfang 1934 war er erneut in Moskau und lernte an der von der Kommintern gegründeten Kommunistische Universität der Werktätigen des Ostens. Bilé war ein gern gesehener Sprecher auf allen möglichen Veranstaltungen, wenn es um die Kolonien oder die Sache „der Schwarzen“ weltweit ging.

So trat er auch auf Protesten gegen die Verurteilung der schwarzen „Scottsboro Boys“ auf, die 1931 in den USA wegen einer angeblichen Vergewaltigung von einer rein weißen Jury zum Tode verurteilt wurden – solche Fälle wurde damals auch im Deutschen Reich zur Kenntnis genommen. Dabei trat er natürlich stets als Vertreter seiner „Rasse“ auf. Zu diesem Zeitpunkt schienen die kommunistischen Vereinigungen zu den jeweiligen „Repräsentanten“ sehr häufig nur noch ein taktisches Verhältnis zu haben. Buber-Neumann beschreibt in ihren Erinnerungen eine Person algerischer Herkunft, die im Wedding geboren war, aber bei Versammlungen der KPD als „Vertreter der um ihre Freiheit kämpfenden Rifkabylen“ auftrat.[16] Noch ärgere Geschichten hat (der allerdings sicher nicht immer glaubwürdige) Jan Valtin zu bieten[17], der berichtet, auf dem von der Kommintern-Frontorganisation „Internationale der Seefahrer und Hafenarbeiter (ISH)“ organisierten ersten Weltkongress von 1932 seien chinesische Studierende aus Berlin als Hafenarbeiter aus Kanton aufgetreten. Als klar wurde, dass die Delegation aus Ostindien wegen Passproblemen nicht kommen würde, habe Valtin selber drei „Hindus“, die auf einem Frachter tätig waren, mit absurden Versprechen auf ein kostenloses Revue-Theater zum Kongress gelockt, wo sie dann als stumme Abgesandte firmierten.

Dennoch muss auch bei letzterem Beispiel hinzugefügt werden, dass der Kongress maßgeblich organisiert worden war von zwei schwarzen Gewerkschaftern, dem US-Amerikaner James Ford und George Padmore aus Trinidad. Bis Stalins „Säuberungen“ begannen, boten die Strukturen der kommunistischen Organisation viele Chancen. Joseph Bilé allerdings wollte seit dem Ende der 1920er Jahre nach Kamerun zurückkehren – daraus ergab sich der oben bereits erwähnte Vorschlag, dort als Agitator zu fungieren. In der Sowjetunion sah man ihn für diese Rolle nicht mehr gerüstet. 1932 berichtete der sowjetische Afrikanist Alexander Zusmanovich, Bilé sei „deutsch“ geworden, sein Zugang zu kolonialen Problemen und den afrikanischen Realitäten nur abstrakt, manchmal sogar mythisch.[18] Bilé fand sich in einer unmöglichen Lage: Je mehr er versuchte, sich in der KPD anzupassen, desto mehr büsste er seine Nützlichkeit als „Repräsentant“ ein. Diese Lage hat im übrigen Ralph Ellison eindrucksvoll in seinem Roman „Invisible Man“ beschrieben: Dort wird die Hauptfigur in Harlem zu einem begehrten Redner der „Bruderschaft“ (unschwer als Communist Party USA identifizierbar).

Zwei Jahre bevor die LAI ihre Räume in der Friedrichstrasse 24 bezog, hatte gleich gegenüber in der 232 eine andere Organisation mit engen Beziehungen zu vielen der erwähnten Personen residiert, die Chinese National Agency, die von Hansin Liau geleitet wurde. Liau war zur Vertreter der Kuomintag in Berlin und sollte als Leiter dieser „Agency“ die antikoloniale Propaganda in Sachen China anfachen (wobei alle Nachrichten aus Moskau kamen). Allerdings wurde Liau, der mit den Kommunisten sympathisierte, im April 1927 kalt erwischt vom brutalen Putsch der Kuomintang gegen ihre kommunistischen Verbündeten in Shanghai. Die Propaganda hatte plötzliche keine klare Linie mehr, das Büro wurde wieder geschlossen. Die Kommintern gab wie erwähnt die Devise aus, es dürfe nur noch mit verläßlichen Kommunisten in den jeweiligen Ländern zusammengearbeitet werden.

Das war in der ersten Zeit anders. Die Idee für eine internationale antikoloniale Bewegung – initiativ kommunistisch, aber politisch übergreifend – stammte von Willi Münzenberg. Der hatte in Berlin mit Hilfe aus Moskau die „Internationale Arbeiterhilfe“ (IAH) gegründet, im Grunde eine Wohltätigkeitsorganisation, die ihre Spenden jedoch unter dem Aspekt einer „internationaler Solidarität“ der Arbeitenden sammelte. Er war als ungelernter Arbeiter in der kommunistischen Nomenklatura aufgestiegen und hatte in Berlin im Dienste der Kommintern ein regelrechtes Medienimperium aufgebaut, das dem Hugenberg-Konzern Konkurrenz machte. Münzenberg hielt, was zu diesem Zeitpunkt durchaus ungewöhnlich war, den antikolonialen Kampf für eine der wichtigsten Zukunftsaufgaben, wobei er eine Interessensgleichheit zwischen den europäischen Arbeiterklassen und den unterdrückten Kolonialsubjekten sah. Bereits 1925 hatte er mit der IAH eine Kampagne gegen die imperialen Übergriffe der westlichen Mächte in China orchestriert, die zumal in der pazifistisch orientierten Öffentlichkeit der Weimarar Republik aufmerksam beobachtet wurden: „Hände weg von China“. Geld wurde gesammelt, Chinabriefmarken verkauft und im Berliner Herrenhaus (dem ehemaligen preußischen Landtag und damaligen Tagungsstätte des preußischen Staatsrates unter Vorsitz von Konrad Adenauer) in der Leipziger Str. 3 fand im August eine international besetzte Konferenz zu China statt.

Münzenberg wollte gemäß der Kommintern-Devise von der Einheitsfront ein über die Parteigrenzen hinaus gehendes Bündnis schmieden und nahm daher unermüdlich Kontakte in alle Richtungen auf: Ins Milieu des deutschen Pazifismus, zu den antikolonial orientierten Sozialisten, zu den Vertretern der antikolonialen Bewegungen überall auf der Welt. All seine Bemühungen musste er mit Moskau absprechen, wo Münzenbergs Eifer, Unabhängigkeit und Pragmatismus nicht immer auf die entsprechende Gegenliebe stießen. Nach der Gründung einiger Komittees (gegen die Kolonialgräuel in Syrien etwa) führte eine Konferenz in Berlin 1926 zur Gründung der Vorgängerorganisation der LAI, der Liga gegen koloniale Unterdrückung, deren Internationales Sekretariat (es gab auch nationale Büros) in den Räumen der IAH in der Wilhelmstr. 48 residierte.[19]

1927 dann konnte Münzenberg einen erstaunlichen Erfolg erringen, als er in Brüssel vom 10. bis 15. Februar der „Kongress gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus“ organisierte. Der Schriftsteller und Politiker Ernst Toller schrieb darüber im März in der von Kurt Tucholsky geleiteten Wochenzeitschrift Die Weltbühne: „Überlege ich mir nach meiner Rückkehr vom Kongreß in Brüssel, was er bedeutet, so wage ich, unbeschadet der Abgegriffenheit des Ausdrucks zu sagen: ‚Ein welthistorisches Ereignis‘. In Brüssel wurde nicht mehr und nicht weniger geschaffen als die organisatorische Zusammenfassung aller rebellierenden Kräfte des Orients, des Okzidents und Europas gegen die Suprematie der europäisch-amerikanischen herrschenden Schicht.“[20]

174 Delegierte waren in die belgische Hauptstadt gekommen, und es waren eben nicht nur Intellektuelle, sondern Vertreter von Organsisationen und Parteien aus Europa, den USA, Lateinamerika und den Kolonien in Afrika und Asien. Das Treffen im Palais Egmot war ein Brückenschlag zwischen europäischen Größen wie dem Labour-Doyen George Lansbury, der bekannten Pazifistin Helene Stöcker oder dem Schriftsteller Hernri Barbusse sowie aktuellen und späteren Größen aus ehemaligen oder damals noch aktuellen Kolonien: Anwesend waren etwa José Vasconcelos, kurz zuvor noch mexikanischer Bildungsminister, Josiah Tshangana Gumede, der bald darauf Präsident des African National Congress werden sollte sowie Jawarharlal Nehru, Nguyen Ai Quoc (Ho-Chin Minh) und Mohammad Hatta, die nach der Unabhängigkeit ihrer jeweiligen Länder Indien, Vietnam und Indonesien Ministerpräsidenten oder Premierminister wurden.[21] Albert Einstein konnt nicht kommen, sandte aber ein Grußwort.[22]

Die Euphorie vom Palais Egmont hiel allerdings nicht lange: Bald wandten sich die Sozialisten ab, es gab Reibereien mit den „bürgerlichen“ Bewegungen und Moskau wurde unter Stalin immer autoritärer. Als die LACO umbenannt wurde in Liga gegen Imperialismus, wurde die Organisation zwar eindeutig kommunistisch, doch ihre Tätigkeiten blieben eindrucksvoll. Das Sekretariat im Berlin koordinierte die Protestaktionen einer Reihe von nationalen Gruppen, es organisierte ein weiteres internationales Treffen in Frankfurt (an der spätere kenyanische Präsident Jomo Kenyatta teilnahm[23]), Jugendkonferenzen in Amsterdam, Frankfurt und Berlin sowie eine Anti-Kriegs-Konferenz in Amsterdam und hielt den Kontakt zwischen der Kommintern und Vertretern der Befreiungsbewegungen.[24]

Zweifellos hat die LAI ihr Potential nie ausgeschöpft, weil das Spannungsfeld politischer Auffassungen zu groß war. Ab 1932 versank sie in der Bedeutungslosigkeit, obwohl das Sekretariat noch nach Paris umzog. Münzenberg ging 1933 ebenfalls nach Paris, wo er seine Propagandatätigkeit schließlich gegen Stalin wandte. 1940 kam er unter ungeklärten Umständen ums Leben. Joseph Bilé siedelte 1935 tatsächlich nach Kamerun über, zog sich aus der Politik zurück und arbeitete als Architekt.[25] Nach Moskau wandten sich Chatto und Smeral. Smeral blieb seinem Funktionärsdasein treu und ließ sich vom Kreml in die Mongolei beordern, wo er als Berater maßgeblich an den postrevolutionären „Säuberungen“ beteiligt war. Chatto dagegen wurde ein Opfer dieser „Säuberungen“. Im Juli 1937 holte ihn die Geheimpolizei ohne Vorwarnung ab, am 2. September verurteilte der militärische Arm des Obersten Gerichtshofes ihn zum Tode. Noch am gleichen Tag wurde Chatto dem Erschießungskommando übergeben.

Die Büros der antiimperialistischen Ligen in der Friedrichstr. und einen halben Kilometer weiter nördlich in der Wilhelmstr. im heutigen Bezirk Mitte bilden historisch gesehen so etwas wie Zirkulationspunkte von Menschen und von transnationalen Verbindungen. Hier wurde ein Netzwerk geschaffen, das tatsächlich eine „welthistorische“ Bedeutung hatte, weil es panafrikanische, panarabische, panasiatische und übergreifende antikoloniale Solidaritäten mitbegründete und vorwegnahm.[26] Jawarharlal Nehru hat Münzenbergs Vorarbeit auf der legendären Konferenz von Bandung 1955 gewürdigt, der Konferenz, auf der die Bewegung der „Blockfreien“ und der „Dritten Welt“ entstand.

provided by FHXB Friedrichshain-Kreuzberg Museum

Mark Terkessidis

ORT

Friedrichstr. 24 (1928-31), Hedemannstr. 13 (1932-33)

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Zitieren des Artikels

Mark Terkessidis: Die Liga gegen den Imperialismus. In: Kolonialismus begegnen. Dezentrale Perspektiven auf die Berliner Stadtgeschichte. URL: http://kolonialismus-begegnen.de/geschichten/die-liga-gegen-den-imperialismus/ (16.07.2021).

Literatur & Quellen

[1]    Vgl. Aitken, Robbie/Rosenhaft, Eve: Black Germany The Making and Unmaking of a Diaspora Community, 1884-1960, Cambridge: 2013. University Press. S. 207.

[2]    Zit. nach Petersson, Fredrik: “We Are Neither Visionaries Nor Utopian Dreamers”. Willi Münzenberg, the League against Imperialism, and the Comintern, 1925 – 1933, Doctoral Thesis, General History Division for Arts, Education and Theology, History Department Åbo Akademi University 2013. S. 350. Online: https://www.doria.fi/bitstream/handle/ 10024/90023/petersson_fredrik.pdf  (Zugriff: 28.05.2021).

[3]    Richtlinien der Kommunistischen Internationale, angenommen vom Kongress der KI in Moskau (02.-06.März 1919), in: Hedeler, Wladislaw/Vatlin, Aleksandr (Hg.): Die Weltpartei aus Moskau: Der Gründungskongress der Kommunistischen Internationale 1919. Protokoll und neue Dokumente. Berlin: 2008. Akademie. S. 207.

[4]    siehe: Nationalversammlung – 18. Sitzung, Sonnabend den 01.März 1919, Verhandlungen des Reichstags 1919, Band 326. Berlin: 1920. Norddeutsche Buchdruckerei. S. 411.

[5]    Buber-Neumann, Margarete: Von Potsdam nach Moskau. Stationen eines Irrwegs. Frankfurt a.M.: 1985. S. Fischer Verlag. S. 231.

[6]    Vgl. Barooah, Nirode K.: Chatto. The Life and Times of an Indian Anti-Imperialist in Europe. Oxford: 2004. University Press. S. 34ff.

[7]     Vg. ebd.: S. 157ff.

[8]    Vgl. ebd.: S. 178ff.

[9]    Vgl. ebd.: S. 207ff.

[10]  Vgl. Aitken/Rosenhaft 2013: S. 215.

[11]  Vgl. Sarr, Amadou-Lamine: Lamine Senghor (1889-1927). Das Andere des senegalesischen Nationalismus. Wien: 2011. Böhlau.

[12]  Vgl. Aitken/Rosenhaft 2013: S. 204f.

[13]  Vgl. ebd.: S. 155ff.

[14]  Vgl. ebd.: S. 215.

[15]  Vgl. ebd.: S. 298ff.

[16]  Vgl. Buber-Neumann 1985: S. 217.

[17]  Vgl. Valtin, Jan: Out of the Night. Memoir of Richard Julius Herman Krebs alias Jan Valtin. Edinburgh (Oakland): 2004. Ak Press. S. 278ff.

[18]  Vgl. ebd.: S. 219.

[19]  Vgl. Petersson: S. 91ff.

[20]  Toller, Ernst: Der Brüsseler Kolonial-Kongreß. In: Die Weltbühne, Nr. 9, 1. März 1927, 23. Jg. S. 325.

[21]  Vgl. Das Flammenzeichen vom Palais Egmont. Offizielles Protokoll des Kongresses gegen koloniale Unterdrückung und Imperialismus, Brüssel, 10.-15. Februar 1927. Berlin: 1927. Neuer Deutscher Verlag.

[22]  Vgl. ebd.: S. 264.

[23]  Vgl. Adi, Hakim: Pan-Africanism and Communism. The Communist International, Africa and the Diaspora 1919-1939. Trenton: 2013. Africa World Press. S. 95.

[24]  Vgl. Petersson: S. 275ff.; Dokumente der LAI sind online zugänglich. Link. (Zugriff: 28.05.2021).

[25]  Vgl. zu Bilé: Aitken, Robbie: Berlins Schwarzer Kommunist, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Publikationen, Juni 2019. Online verfügbar: https://www.rosalux.de/publikation/id/40552#_ftn33 (Zugriff: 28.05.2021).

[26]  Diese Vorreiterrolle wird u.a. beschrieben in: Schröder, Dieter: Die Konferenzen der „Dritten Welt“. Solidarität und Kommunikation zwischen nachkolonialen Staaten. Hamburg: 1968. Hamburger Gesellschaft für Völkerrecht und Auswärtige Politik; Geiss, Immanuel: Panafrikanismus. Zur Geschichte der Dekolonisation. Frankfurt: 1968. Europäische Verlagsanstalt. S. 251ff; J. Lee, Christopher (Hg.): Making a World After Empire. The Bandung Movement and its Political Afterlives. Athens: 2010. Ohio University Press. S. 10.

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